Ein Gebäude, das wie ein Zirkuszelt aussieht und doch ein Meisterwerk der Architektur ist: Die Berliner Philharmonie in Mitte ist seit mehr als 60 Jahren Heimat des weltberühmten Orchesters und zugleich ein revolutionäres Denkmal der Nachkriegsmoderne. Hans Scharoun hat mit diesem Bau die Konzertsaalarchitektur weltweit neu erfunden.1 Wer das Bauwerk auch klingen hören möchte, findet das aktuelle Programm der Berliner Philharmonie in unserer Übersicht.
Noch heute fasziniert das Gebäude seine Besucher mit einer Idee, die damals radikal war: das Orchester nicht auf der fernen Bühne, sondern mitten unter dem Publikum zu platzieren. Ein kühnes Konzept, das den Namen "Zirkus Karajani" erhielt und doch viel mehr ist als eine schöne Anekdote.
Der Mann hinter der Vision: Hans Scharoun
Hans Scharoun war ein Architekt, den man heute wohl als "Stararchitekt" bezeichnen würde, auch wenn es diesen Begriff damals noch gar nicht gab1. Der Deutsche war ein Vertreter der organischen und expressionistischen Architektur, die sich bewusst gegen die starre Moderne der Vorkriegszeit wandte. Seine Bauten sollten sich nach den Menschen richten, die sie nutzten, und mit ihnen atmen.
Für die Berliner Philharmonie war Scharoun der ideale Architekt. Der Stadt fehlte nach dem Krieg ein kulturelles Wahrzeichen in West-Berlin, und Scharoun sollte eines schaffen, das international Beachtung finden würde.
Baugeschichte: Von 1956 bis zur Eröffnung 1963
Die Bauzeit der Berliner Philharmonie erstreckte sich von 1956 bis 19632. Das war eine lange Zeit, aber auch eine intensive Phase der Planung und Umsetzung. Scharoun musste ein völlig neues Konzept für einen Konzertsaal entwickeln, das es in dieser Form vorher nicht gegeben hatte.
Im Oktober 1963 war es endlich soweit: Die Philharmonie wurde eröffnet und wurde unmittelbar zum Wahrzeichen West-Berlins3. Die zeltförmige Silhouette prägte das Bild der Stadt von da an. Dass sie schnell den Spitznamen "Zirkus Karajani" erhielt, war weniger eine Kritik als vielmehr eine liebevolle Anerkennung ihrer ungewöhnlichen Form durch die Berliner Bevölkerung.
Das revolutionäre Weinbergprinzip
Die große Innovation Scharouns war das sogenannte Weinbergprinzip4. Statt dass die Zuschauer in Reihen hintereinander sitzen und nach vorne starren, sind die Sitzreihen wie in einem Amphitheater oder eben wie in einem Weingarten terrassenförmig angeordnet. Das Orchester sitzt nicht auf einer erhöhten Bühne weit weg, sondern in der Mitte des Saals, umgeben vom Publikum.
Dahinter stand mehr als Ästhetik, nämlich eine tiefere Philosophie: Konzertmusik sollte nicht als Frontalveranstaltung stattfinden, sondern als gemeinsames Erleben aller Beteiligten. Der Sänger und das Orchester sind nicht "dort oben", sondern "hier bei uns". Das schafft eine Intimität, die traditionelle Konzertsäle nicht erreichen.
Akustik und wissenschaftliche Planung
Doch das Weinbergprinzip allein hätte nicht funktioniert, wenn nicht die Akustik stimmen würde. Hier kommt Lothar Cremer ins Spiel, der Akustiker, der die klangliche Qualität des Saals gewährleistete. Erst die Zusammenarbeit zwischen Architekt und Akustiker machte die Berliner Philharmonie zu dem, was sie ist: architektonisch revolutionär und klanglich eine der besten Adressen Europas.
Scharoun hatte das Gebäude "konsequent von innen nach außen gebaut": Die Musik stand im Mittelpunkt, und alles andere, einschließlich der äußeren Erscheinung, ergab sich aus dieser Zweckbestimmung. So entstand eine Form, die zunächst kontrovers diskutiert wurde, aber mit der Zeit zur Ikone wurde.
Der Kammermusiksaal: Vollendung eines Werks
Das Gesamtwerk der Philharmonie wurde später durch den Kammermusiksaal unter der Leitung von Edgar Wisniewski vervollständigt. Dieser Saal in kleinerer Form ermöglicht auch intimere Konzerte und zeigt, dass Scharouns Prinzip skalierbar ist. Es geht nicht um die Größe, sondern um die Philosophie des Zusammenseins.
Schutzstatus und Bedeutung
Die Berliner Philharmonie steht unter Denkmalschutz. Das ist mehr als eine formale Anerkennung, es ist eine Verpflichtung. Das Gebäude darf nicht beliebig verändert werden, denn neben seiner Rolle als funktionierende Konzerthalle ist es ein kulturhistorisches Dokument der Nachkriegsmoderne.
Ein weltweiter Einfluss
Was Scharoun in Berlin tat, hatte Auswirkungen weit über die Stadt hinaus. Die Berliner Philharmonie wurde weltweit zum Vorbild für den modernen Konzerthausbau. Architekten und Konzerthallenplaner beschäftigten sich intensiv mit Scharouns Ideen und versuchten, ähnliche Konzepte in ihren eigenen Projekten umzusetzen.
Die Berliner Philharmonie bewies, dass Architektur mehr kann als funktionieren: Sie kann auch eine Aussage über Kultur, Gesellschaft und Menschenbild treffen. Scharoun sagte mit diesem Bau: Wir sind eine Gemeinschaft, und in der Musik erleben wir diese Gemeinschaft.
Für Mitte ein Schatz
Der Stadtteil Mitte kann stolz sein, diesen Ort zu beherbergen. Die Berliner Philharmonie ist Konzerthaus und zugleich Denkmal eines Architekten, der verstanden hat, dass Gebäude mehr sind als Hüllen. Sie sind Bühnen für menschliche Erfahrung. Noch heute, über 60 Jahre nach ihrer Eröffnung, macht die Philharmonie vor, wie Architektur leben kann.