Kaum ein anderer Berliner Bezirk hat so viele Lebensläufe geprägt wie Mitte. Zwischen der Bauakademie am Schinkelplatz, der Charité, den Mietskasernen des Wedding und den Hinterhöfen von Moabit haben Forscher, Künstler, Politiker und Sportler gelebt, gewirkt und ihre Spuren hinterlassen. Wer durch Alt-Mitte, Tiergarten oder Gesundbrunnen geht, läuft an Gedenktafeln, Ehrengräbern und Instituten vorbei, die bis heute an sie erinnern.
Diese Liste versammelt Menschen mit einem belegten Bezug zum heutigen Bezirk Mitte, also zu Alt-Mitte, Wedding, Moabit, Tiergarten und Gesundbrunnen. Sie reicht vom Aufklärungszeitalter bis in die Bundesliga und zeigt, wie eng Weltgeschichte und Kiezgeschichte hier beieinanderliegen.
1. Daniel Chodowiecki

- Lebensdaten: 1726 bis 1801
- Funktion: Kupferstecher und Akademiedirektor
- Mitte-Bezug: wohnte ab 1755 in der Brüderstraße in Alt-Mitte
- Spuren heute: Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof
Daniel Chodowiecki kam aus Danzig nach Berlin und machte die Stadt zur Bühne seiner Kunst. Von seiner Wohnung in der Brüderstraße aus stach er tausende kleinformatige Szenen aus dem Alltag, die das bürgerliche Berlin der Aufklärung wie kein Zweiter festhielten.1
1797 übernahm er die Leitung der Preußischen Akademie der Künste, die damals Unter den Linden ihren Sitz hatte. Begraben wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße, wo bis heute ein Ehrengrab an ihn erinnert.
2. Karl Friedrich Schinkel

- Lebensdaten: 1781 bis 1841
- Funktion: Architekt und preußischer Baubeamter
- Mitte-Bezug: lebte und starb in der Bauakademie am heutigen Schinkelplatz
- Spuren heute: Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof
Karl Friedrich Schinkel prägte das Stadtbild von Mitte wie kein anderer Baumeister. Das Alte Museum am Lustgarten, die Neue Wache Unter den Linden und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt tragen seine Handschrift und bestimmen bis heute das Zentrum Berlins.2
Seine eigene Bauakademie nahe dem Schlossplatz war zugleich sein Wohnort, denn als Leiter der Oberbaudeputation bezog er dort eine Dienstwohnung, in der er 1841 starb. Beigesetzt wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, nur wenige Schritte von vielen seiner Bauten entfernt.
3. Alexander von Humboldt

- Lebensdaten: 1769 bis 1859
- Funktion: Naturforscher und Universalgelehrter
- Mitte-Bezug: wirkte an der Universität Unter den Linden
- Spuren heute: Namensgeber der Humboldt-Universität in Mitte
Alexander von Humboldt machte Berlin zu einem Zentrum der Wissenschaft. Nach seinen großen Forschungsreisen kehrte er in die Stadt zurück und hielt 1827 und 1828 im Zentrum von Mitte seine berühmten Kosmos-Vorlesungen, die ein breites Publikum für die Naturwissenschaften begeisterten.3
Eng verbunden war er mit der von seinem Bruder Wilhelm mitbegründeten Universität Unter den Linden, die heute seinen Namen trägt. Sein Wirken in Mitte verband die Welt der Höfe mit der Welt der Forschung mitten im Herzen Berlins.
4. Theodor Mommsen

- Lebensdaten: 1817 bis 1903
- Funktion: Althistoriker und Nobelpreisträger
- Mitte-Bezug: Professor an der Universität Unter den Linden
- Bekannt für: Nobelpreis für Literatur 1902
Theodor Mommsen lehrte als Professor für Alte Geschichte an der Berliner Universität Unter den Linden und gehörte zu den großen Gelehrten des Kaiserreichs. Sein Werk über die römische Geschichte trug ihm 1902 den Nobelpreis für Literatur ein, eine seltene Ehre für einen Wissenschaftler.4
Über Jahrzehnte prägte er das wissenschaftliche Leben in Mitte und war zugleich politisch aktiv. Sein Name steht für eine Zeit, in der Berlins Universität zu den führenden der Welt zählte.
5. Rudolf Virchow

- Lebensdaten: 1821 bis 1902
- Funktion: Pathologe und Politiker
- Mitte-Bezug: gründete die Pathologie an der Charité in Mitte
- Spuren heute: Virchowweg und Rudolf-Virchow-Haus am Campus Charité Mitte
Rudolf Virchow gilt als Begründer der modernen Pathologie und wirkte über 46 Jahre an der Charité im heutigen Bezirk Mitte. 1856 wurde er dort Professor und richtete das erste pathologische Institut Deutschlands ein, in dem er die Zellularpathologie entwickelte.5
Virchow war zugleich Stadtverordneter und Reichstagsabgeordneter und setzte sich für die Kanalisation und Hygiene Berlins ein. Am Campus Charité Mitte erinnern heute der Virchowweg und das nach ihm benannte Institutsgebäude an sein Wirken.
6. Robert Koch

- Lebensdaten: 1843 bis 1910
- Funktion: Bakteriologe und Nobelpreisträger
- Mitte-Bezug: forschte und lehrte an der Charité in Mitte
- Bekannt für: Entdeckung des Tuberkulose-Erregers
Robert Koch wies den Erreger der Tuberkulose nach und legte damit die Grundlagen der modernen Bakteriologie. Einen großen Teil seiner Forschung betrieb er in Mitte, wo er an der Charité und am eigens gegründeten Institut für Infektionskrankheiten arbeitete.6
1905 erhielt er den Nobelpreis für Medizin. Das aus seinem Institut hervorgegangene Robert-Koch-Institut trägt seinen Namen bis heute und steht in der Tradition seiner Arbeit im Zentrum Berlins.
7. Kurt Tucholsky
- Lebensdaten: 1890 bis 1935
- Funktion: Schriftsteller und Journalist
- Mitte-Bezug: geboren in der Lübecker Straße 13 in Moabit
- Spuren heute: Gedenktafel am Geburtshaus in Moabit
Kurt Tucholsky kam 1890 in der Lübecker Straße 13 in Moabit zur Welt und wurde zu einer der schärfsten publizistischen Stimmen der Weimarer Republik. Als Autor der Weltbühne kommentierte er Politik und Gesellschaft mit Witz und beißender Ironie.7
An seinem Geburtshaus in Moabit erinnert heute eine Gedenktafel an den Schriftsteller. Im selben Gebäude betreibt seit Jahren ein Künstlerprojekt einen Raum, der den Namen Tucholskys aufgreift und an ihn anknüpft.
8. Otto Nagel

- Lebensdaten: 1894 bis 1967
- Funktion: Maler und Akademiepräsident
- Mitte-Bezug: geboren in der Reinickendorfer Straße 67 im Wedding
- Bekannt für: Bilder aus dem Weddinger Arbeitermilieu
Otto Nagel wurde 1894 im Wedding geboren und machte den Arbeiterbezirk zum Hauptthema seiner Kunst. In seinen realistischen Bildern hielt er die Straßen rund um Gesundbrunnen, Brunnenstraße und Müllerstraße fest, dazu Hinterhöfe, Kneipen und arbeitende Menschen.8
Nach dem Krieg wurde er in der DDR zu einer zentralen Figur des Kulturlebens und von 1956 bis 1962 Präsident der Akademie der Künste. An seinem Geburtshaus in der Reinickendorfer Straße erinnert eine Gedenktafel an den Maler.
9. Kurt Weill

- Lebensdaten: 1900 bis 1950
- Funktion: Komponist
- Mitte-Bezug: Uraufführung der Dreigroschenoper am Theater am Schiffbauerdamm
- Bekannt für: Musik zur Dreigroschenoper
Kurt Weill schrieb gemeinsam mit Bertolt Brecht die Musik zur Dreigroschenoper, die 1928 am Theater am Schiffbauerdamm in Mitte uraufgeführt wurde. Der Abend wurde zum sensationellen Erfolg und machte Stücke wie die Moritat von Mackie Messer weltberühmt.9
Das Theater an der Spree, in dem später das Berliner Ensemble einzog, gehört zu den bekanntesten Bühnen des Bezirks. Mit Weills Musik wurde es zum Geburtsort eines der einflussreichsten Werke des deutschen Musiktheaters.
10. Bertolt Brecht

- Lebensdaten: 1898 bis 1956
- Funktion: Dramatiker und Regisseur
- Mitte-Bezug: wohnte in der Chausseestraße 125 in Mitte
- Spuren heute: Brecht-Haus und Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof
Bertolt Brecht zog 1953 in die Chausseestraße 125 in Mitte, ganz in der Nähe seines Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm. In dieser Wohnung lebte er bis zu seinem Tod 1956 und arbeitete an seinen Stücken, umgeben von vielen Arbeitstischen und seiner umfangreichen Bibliothek.10
Beigesetzt wurde er auf dem benachbarten Dorotheenstädtischen Friedhof, in Sichtweite seines Arbeitszimmers. Heute beherbergt das Brecht-Haus ein Museum und das Bertolt-Brecht-Archiv und hält die Erinnerung an ihn wach.
11. Erich Mielke

- Lebensdaten: 1907 bis 2000
- Funktion: Minister für Staatssicherheit der DDR
- Mitte-Bezug: geboren und aufgewachsen im Wedding
- Bekannt für: langjähriger Chef der Stasi
Erich Mielke wurde 1907 in einer Arbeiterfamilie im Wedding geboren und wuchs in den engen Verhältnissen des Bezirks auf. Früh schloss er sich der kommunistischen Bewegung an, sein Werdegang führte ihn weit weg von der Stockholmer Straße seiner Kindheit.11
Von 1957 bis 1989 leitete er als Minister das Ministerium für Staatssicherheit der DDR und baute den Überwachungsapparat aus. Seine Biografie zeigt die dunklen Seiten der deutschen Geschichte und ist zugleich untrennbar mit seiner Herkunft aus dem Wedding verbunden.
12. Harald Juhnke

- Lebensdaten: 1929 bis 2005
- Funktion: Schauspieler und Entertainer
- Mitte-Bezug: aufgewachsen in der Stockholmer Straße 29 im Wedding
- Spuren heute: Gedenktafel am Elternhaus im Gesundbrunnen
Harald Juhnke wuchs in einer Zweizimmerwohnung in der Stockholmer Straße 29 im Wedding auf, im damals proletarisch geprägten Gesundbrunnen. Aus diesen Verhältnissen stieg er zu einem der populärsten Entertainer der Bundesrepublik auf, der Show, Film und Boulevardtheater verband.12
Sein Berliner Witz und seine Verletzlichkeit machten ihn zur Kultfigur, sein Auf und Ab begleitete das Publikum über Jahrzehnte. Eine Gedenktafel an seinem Elternhaus erinnert heute an seine Kindheit im Bezirk.
13. Thomas "Icke" Häßler

- geboren 1966: im Wedding
- Funktion: Fußballspieler
- Mitte-Bezug: begann beim BFC Meteor 06 im Wedding
- Bekannt für: Weltmeister 1990 und Europameister 1996
Thomas Häßler wurde 1966 im Wedding geboren und begann dort mit sechs Jahren beim BFC Meteor 06 mit dem Fußball. Über die Jugend der Reinickendorfer Füchse führte sein Weg in den Profifußball, wo der wendige Mittelfeldspieler den Spitznamen Icke trug.13
Mit der Nationalmannschaft wurde er 1990 Weltmeister und 1996 Europameister und bestritt über hundert Länderspiele. Bis heute gilt er als einer der bekanntesten Sportler, die im Bezirk Mitte aufwuchsen.
14. Martina Hill

- geboren 1974: im Wedding
- Funktion: Schauspielerin und Komikerin
- Mitte-Bezug: geboren und aufgewachsen im Wedding
- Bekannt für: Comedy-Formate im deutschen Fernsehen
Martina Hill wurde 1974 im Wedding geboren und gehört zu den bekanntesten Komikerinnen des deutschen Fernsehens. Mit Parodien und Sketchformaten wurde sie einem großen Publikum vertraut und prägte über Jahre die deutsche Comedy-Landschaft.14
Ihre Wandlungsfähigkeit und ihr Timing machten sie zu einem festen Bestandteil zahlreicher Shows. Mit ihr steht eine weitere Stimme des modernen Unterhaltungsfernsehens für die Herkunft aus dem Bezirk Mitte.
Ausblick
Was die Personen auf dieser Liste verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Beruf als ein gemeinsamer Ort. Mitte war Labor und Bühne, Arbeiterviertel und Regierungsnähe zugleich, und genau diese Mischung hat ganz unterschiedliche Begabungen angezogen und hervorgebracht.
Viele ihrer Wirkungsstätten kann man bis heute besuchen, von der Charité über das Brecht-Haus bis zu den Gedenktafeln im Wedding. Sie machen den Bezirk lesbar als einen Ort, an dem große Namen nicht nur geboren wurden, sondern auch wirklich gelebt und gearbeitet haben.