Wer am Spreeufer zwischen Schlossplatz und Nikolaiviertel steht, steht auf dem ältesten Boden Berlins. Hier, auf der Spreeinsel und am gegenüberliegenden Ufer, lagen die beiden Kaufmannssiedlungen Cölln und Berlin, aus denen die spätere Millionenstadt erwuchs. Das Humboldt Forum, der Berliner Dom und die Marienkirche markieren bis heute den historischen Kern.
Mitte ist der Bezirk, in dem Berlin im wörtlichen Sinn angefangen hat und in dem fast jede Epoche deutscher Geschichte ihre Spuren hinterlassen hat. Diese Chronik führt von der ersten urkundlichen Erwähnung Cöllns 1237 bis zum heutigen Großbezirk, der erst 2001 aus drei eigenständigen Bezirken entstand.
- Mittelalter: Cölln, Berlin und die Geburt einer Doppelstadt
- 1443: Das Schloss und der Berliner Unwille
- Ab 1701: Königsstadt und barocke Stadterweiterungen
- 1837: Borsig, Maschinen und der rote Wedding
- 1871: Reichshauptstadt und Weltstadt
- 1920: Groß-Berlin und die Bezirke entstehen
- 1933: NS-Herrschaft, Verfolgung und Deportation
- 1945: Zerstörung und die geteilte Stadt
- Ab 1990: Neue Mitte und die Fusion 2001
- Heute und morgen: Humboldt Forum und ein Zentrum im Wandel
- Quellen
Mittelalter: Cölln, Berlin und die Geburt einer Doppelstadt
Die Geschichte Berlins beginnt im heutigen Bezirk Mitte, an einer schmalen Furt durch die Spree. An dieser Stelle entstanden im 12. und frühen 13. Jahrhundert zwei Kaufmannssiedlungen: Cölln auf der Spreeinsel und Berlin am nordöstlichen Ufer. Cölln wird am 28. Oktober 1237 erstmals urkundlich erwähnt, dieses Datum gilt offiziell als Gründungsjahr Berlins.1
Berlin folgt 1244 in den Quellen. Beide Orte wuchsen rasch zusammen, verbunden durch eine gemeinsame Brücke über die Spree und eine gemeinsame Befestigung. Um 1400 zählte die Doppelstadt bereits rund 8.500 Einwohner, etwa 1.100 Gebäude und drei Rathäuser.2
Aus dieser Frühzeit stammen die ältesten erhaltenen Bauwerke des Bezirks. Die Nikolaikirche im heutigen Nikolaiviertel ist das älteste Gebäude Berlins, ihre Ursprünge reichen bis um 1230 zurück. Auch die Marienkirche am Alexanderplatz und die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer erinnern an diese Anfänge.3
1443: Das Schloss und der Berliner Unwille
Mitte des 15. Jahrhunderts setzten sich die Hohenzollern als Herrscher der Mark Brandenburg durch und machten die Doppelstadt zu ihrer Residenz. Kurfürst Friedrich II., wegen seiner harten Haltung gegenüber den Ständen "Eisenzahn" genannt, legte am 31. Juli 1443 den Grundstein für ein landesherrliches Schloss auf der Spreeinsel in Cölln.4
Die Bürger sahen darin einen Angriff auf ihre Freiheiten. 1448 stürmten sie den Bau und setzten die Baugrube unter Wasser, ein Aufstand, der als "Berliner Unwille" in die Geschichte einging. Der Kurfürst setzte sich durch, die Doppelstadt verlor an politischer und wirtschaftlicher Selbstständigkeit. Das erste Schloss wurde 1451 bezogen.5
Vom Schloss zum Humboldt Forum
Das Berliner Schloss blieb fast 500 Jahre Sitz der brandenburgischen Kurfürsten, preußischen Könige und deutschen Kaiser. 1950 ließ die DDR-Führung die Kriegsruine sprengen, an gleicher Stelle steht heute das 2020 eröffnete Humboldt Forum hinter rekonstruierten Barockfassaden.
Ab 1701: Königsstadt und barocke Stadterweiterungen
Eine Hauptstadt entsteht
1647 ließ der Große Kurfürst die Prachtstraße Unter den Linden als Verbindung zwischen Schloss und Tiergarten anlegen, bis heute die Hauptachse des Bezirks. 1671 nahm der Kurfürst 50 vertriebene jüdische Familien aus Wien auf, kurz darauf folgten die hugenottischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die das Handwerk der Stadt prägten.6
1701 krönte sich Friedrich III. in Königsberg zum König in Preußen, Berlin wurde Königs- und Residenzstadt. 1709 vereinigte er die bis dahin getrennten Städte Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur Haupt- und Residenzstadt Berlin.7
Wissenschaft und Gesundheit
In dieser Zeit entstanden Institutionen, die bis heute weltbekannt sind. 1710 wurde am nördlichen Stadtrand ein Pesthaus errichtet, aus dem 1727 die Charité hervorging, heute eine der größten Universitätskliniken Europas. Am Gendarmenmarkt setzten der Deutsche und der Französische Dom architektonische Akzente, die der Platz bis heute trägt.8
1837: Borsig, Maschinen und der rote Wedding
Mit dem 19. Jahrhundert kam die Industrie. Vor dem Oranienburger Tor siedelten sich ab den 1820er Jahren Eisengießereien und Maschinenbaubetriebe an. 1837 legte August Borsig an der Chausseestraße im heutigen Wedding den Grundstein für seine Maschinenfabrik, die im 19. Jahrhundert zum größten Lokomotivproduzenten des europäischen Kontinents aufstieg.9
Rund um die Fabriken entstanden in kurzer Zeit dichte Mietshausquartiere für die Arbeiterschaft. Der Wedding wurde zum Sinnbild der Berliner Arbeiterbewegung und trug bald den Beinamen "roter Wedding". Die Ortsteile, aus denen Mitte heute besteht, finden sich in unserer Übersicht der Stadtteile von Mitte.10
1810 öffnete die Friedrich-Wilhelms-Universität, die heutige Humboldt-Universität, Unter den Linden ihre Tore. Am 18. März 1848 errichteten Aufständische in den Straßen der Stadt Barrikaden, die Märzrevolution forderte allein in Berlin mehr als 250 Tote und prägte das politische Selbstverständnis der Stadt.11
1871: Reichshauptstadt und Weltstadt
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde Berlin Reichshauptstadt. Die Einwohnerzahl explodierte, die Stadt wuchs zur Industrie- und Verwaltungsmetropole. Das Regierungsviertel an der Wilhelmstraße wurde zum Machtzentrum des Reiches, von hier aus regierten Reichskanzler und Ministerien.12
1894 wurde am Königsplatz das Reichstagsgebäude nach Plänen Paul Wallots vollendet, Sitz des Parlaments und bis heute eines der bekanntesten Wahrzeichen des Bezirks. Wie stark die Bevölkerung in diesen Jahrzehnten anschwoll, zeigt unser Überblick zu den Einwohnern von Mitte.13
Rund um die Friedrichstraße und den Potsdamer Platz entstand ein pulsierendes Zentrum aus Warenhäusern, Theatern, Cafés und Verkehr. In den 1920er Jahren galt der Potsdamer Platz als verkehrsreichster Platz Europas, hier stand auch die erste Verkehrsampel des Kontinents.14
1920: Groß-Berlin und die Bezirke entstehen
Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Aus acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken entstand eine Einheitsgemeinde mit zunächst 20 Bezirken. Berlin wuchs über Nacht zur drittgrößten Stadt der Welt mit rund vier Millionen Einwohnern.15
Drei dieser neuen Bezirke prägen den heutigen Bezirk Mitte. Der Bezirk Mitte umfasste den historischen Stadtkern, daneben entstanden die eigenständigen Bezirke Tiergarten und Wedding. Diese Dreiteilung sollte 80 Jahre Bestand haben.16
Drei Bezirke, eine Mitte
Der heutige Bezirk Mitte ist ein junges Gebilde. Erst die Verwaltungsreform von 2001 fügte den alten Bezirk Mitte mit Tiergarten und Wedding zusammen. In den Jahrzehnten der Teilung lagen diese drei nicht einmal im selben Stadtteil Berlins.
1933: NS-Herrschaft, Verfolgung und Deportation
Machtzentrum der Diktatur
Nach 1933 wurde die Wilhelmstraße in Mitte zum Zentrum der nationalsozialistischen Macht. Reichskanzlei, Propagandaministerium und weitere Schaltstellen des Regimes lagen hier dicht beieinander. Wenige hundert Meter entfernt, am Gendarmenmarkt und Unter den Linden, inszenierte sich der Staat mit Aufmärschen und Architektur.17
Das Scheunenviertel und die Deportationen
Im Scheunenviertel rund um die Große Hamburger Straße und die Oranienburger Straße lag eines der Zentren jüdischen Lebens in Berlin. Hier standen die Neue Synagoge, der älteste jüdische Friedhof der Stadt von 1672 und ein jüdisches Altersheim.18
Während der NS-Zeit machten die Nationalsozialisten dieses jüdische Altersheim in der Großen Hamburger Straße zu einem Sammellager. Von dort wurden Tausende Berliner Juden in die Vernichtungslager deportiert. Zwischen Herbst 1941 und Frühjahr 1945 wurden rund 50.000 Berliner Juden verschleppt und ermordet, ein großer Teil von ihnen über die Sammellager in Mitte.19
1945: Zerstörung und die geteilte Stadt
Trümmerfeld im Zentrum
Im Zweiten Weltkrieg wurde das historische Zentrum schwer getroffen. Luftangriffe und die Schlacht um Berlin im April und Mai 1945 legten weite Teile in Trümmer, rund zwei Drittel des Wohnraums in den späteren Mitte-Ortsteilen waren zerstört. Das Berliner Schloss, das Reichstagsgebäude und ganze Straßenzüge lagen in Ruinen.20
Hauptstadt der DDR
Nach 1945 fiel der alte Bezirk Mitte an den sowjetischen Sektor und wurde Teil Ost-Berlins, das die DDR 1949 zu ihrer Hauptstadt erklärte. Tiergarten und Wedding dagegen gehörten zum britischen beziehungsweise französischen Sektor und damit zu West-Berlin. Die heutige Bezirksfläche war über Jahrzehnte politisch zerschnitten.21
Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Entlang der Bernauer Straße verlief die Grenze direkt an der Häuserfront: Der Bürgersteig gehörte zum Wedding im Westen, die Häuser standen auf dem Gebiet von Mitte im Osten. Bilder von Flüchtlingen, die sich an Bettlaken aus den Fenstern abseilten, gingen um die Welt.22
An der Bernauer Straße trennte die Mauer den Gehweg vom Haus, in dem die Menschen wohnten.
Ab 1990: Neue Mitte und die Fusion 2001
Der zweite Wiederaufbau
Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 rückte Mitte schlagartig wieder in das Zentrum der Stadt. Berlin wurde 1990 erneut deutsche Hauptstadt, und das historische Zentrum wurde zur größten Baustelle Europas. Am Potsdamer Platz, jahrzehntelang Brachland im Todesstreifen, entstand in den 1990er Jahren ein völlig neues Quartier.23
Im Spreebogen direkt neben dem Reichstag entstand zwischen 1997 und 2003 das neue Regierungsviertel mit Bundeskanzleramt und den Parlamentsbauten, dem "Band des Bundes" nach Plänen von Axel Schultes und Charlotte Frank. Die wirtschaftliche Aufwertung des Zentrums schlägt sich bis heute in den Lebenshaltungskosten in Mitte nieder.24
2001: Drei Bezirke werden einer
Am 1. Januar 2001 trat die Berliner Bezirksgebietsreform in Kraft. Aus den bisher eigenständigen Bezirken Mitte, Tiergarten und Wedding entstand der neue Großbezirk Mitte. Aus 23 Bezirken wurden zwölf, die alte Sektorengrenze verlief nun mitten durch einen einzigen Bezirk.25
Damit vereint Mitte heute den historischen Stadtkern mit dem ehemals westlichen Tiergarten und Wedding. Wie stark die Mieten in diesem Bezirk seither gestiegen sind, zeigt der Mietspiegel für Mitte.26
Heute und morgen: Humboldt Forum und ein Zentrum im Wandel
2020 wurde das Humboldt Forum im wiederaufgebauten Berliner Schloss eröffnet und schloss damit eine der letzten großen Lücken im historischen Stadtbild. Der Schlossplatz, jahrzehntelang Standort des abgerissenen Palasts der Republik, ist heute wieder ein zentraler Ort der Stadt.27
Die kommenden Jahre stehen im Zeichen einer behutsamen Verdichtung. Diskutiert wird die Neugestaltung des Molkenmarkts, des ältesten Platzes Berlins, der nach dem Rückbau einer mehrspurigen Straße ein neues Wohnquartier in der Altstadt werden soll. Wie sich der Bezirk in Zahlen entwickelt, fasst unser Überblick zur Statistik von Mitte zusammen.28
Was bleibt, ist die Rolle als Herzkammer der Stadt. Von der Spreefurt der Kaufleute bis zum Regierungssitz der Bundesrepublik hat sich in Mitte über fast 800 Jahre verdichtet, was Berlin ausmacht. Der historische Kern an der Spree bleibt der Anker für die nächsten Kapitel.